„Seien wir kritisch, halten wir die Augen offen, stellen wir Fragen“

In seinen Vorträgen gab der Salvadorianer Einblicke in die problematischen Arbeitsbedingungen in der Bekleidungs- und Pflanzenproduktion in El Salvador und weiteren Ländern Mittelamerikas, er berichtet über den Skandal der viel zu geringen Löhne, über Unterdrückung der Gewerkschaftsfreiheit und von den ausbeuterischen Strategien der klassischen Exportindustrie.

Daniel Hügel (CIR), Sergio Chávez und Lisa Stroetmann (CIR) auf der Auftaktveranstaltung in Münster
Auftaktveranstaltung in Münster
Schulbesuch: St.-Antonius-Gymnasium in Lüdinghausen
Veranstaltung in Kooperation mit ELAN, Mainz
Umweltzentrum, Fulda
Jugendgipfel Bonn

Fragen zu Problematiken in der Textilbranche...

„Besser ein Hungerlohn als gar kein Lohn - Wie kann man diesen Teufelskreis unterbrechen?“, „Gab es in der Vergangenheit Verbesserungen in der Textilbranche in Zentralamerika?“, „Welche Rolle spielen die Gewerkschaften in El Salvador?“, „Gibt es Alternativen zu den Maquilas?“, „Ist ein Boykott der Konsumierenden in Europa eine Lösung?“ und „Hat das Freihandelsabkommen zwischen Zentralamerika und den USA die Situation in El Salvador verbessert?“.

Mit diesen und weiteren Fragen wurde Sergio Chávez auf den vielen Veranstaltungen während seiner einwöchigen Rundreise in Deutschland gelöchert. Sowohl bereits erfahrenere Menschen aus Deutschland als auch neugierige SchülerInnen sowie interessierte engagierte junge Menschen aus weiteren europäischen Ländern wie Malta, Österreich und Polen lauschten den Berichten des Arbeitsrechtsexperten. Für viele der SchülerInnen war es eine erste Auseinandersetzung mit dem Thema von globaler Arbeitsteilung und Arbeitsrechtsverletzungen, so dass die direkte Begegnung mit einem Arbeitsrechtler, der vor Ort tätig ist, eine tolle und einprägende Erfahrung war. Erstaunt waren sie vor allem von den langen Reisewegen, die unsere Kleidung auf ihrem Produktionsweg bis auf unseren Ladentisch bereits hinter sich hat und über die miserablen Arbeitsbedingungen der ArbeiterInnen in den Maquilas in Mittelamerika.

... und Antworten

Sergio Chávez rechnete vor, dass der salvadorianische Mindestlohn einer Näherin nur 36 % eines existenzsichernden Einkommens beträgt und damit unter der von der Regierung definierten Armutsgrenze liegt. Darüber hinaus schilderte er den anstrengenden Arbeitsalltag in einer Maquila, der immer noch geprägt ist von langen Arbeitszeiten ohne Pausen, unerträglicher Hitze an den Arbeitsplätzen sowie einem enormen Leistungsdruck, dem die ArbeiterInnen täglich ausgesetzt sind. Aber er berichtete auch von den Verbesserungen der letzten Jahre, auch dank des Einsatz seines Teams vor Ort: von dem Verbot von Schwangerschaftstests, Diskriminierung, Kinderarbeit, physischer Gewalt und von verbesserte Arbeitssicherheit und geregelteren Arbeitszeiten (44 Stunden pro Woche). Die Gewerkschaften hätten in EL Salvador aktuell keinen großen Einfluss, da eine Mitgliedschaft häufig die Kündigung für die entsprechenden ArbeiterInnen bedeute. Dafür gebe es starke Frauenbewegungen, deren Kampf wesentlich zur Verbesserung der Situation beigetragen hat, so Chávez. Ein Boykott durch Konsumierende von bestimmten Marken müsse gezielt sein und begleitet werden, damit die ArbeiterInnen vor Ort wirklich davon profitierten. Das 2006 abgeschlossene Freihandelsabkommen CAFTA habe in EL Salvador für die Situation, vor allem für die Löhne, der ArbeiterInnen absolut nichts verbessert.

Neben den Problematiken in der Produktion von Textilien berichtete Chávez dem interessierten Publikum auch über seine Recherchen und Ergebnisse bezüglich der Pflanzenproduktion in der salvadorianischen Fabrik Red Fox in der öffentlichen Kritik. Basierend auf Rechercheergebnissen der CIR berichteten zahlreiche Medien über Niedrigstlöhne und Arbeitsrechtsverletzungen bei der Weihnachtsstern-Produktion. Dank der Unterstützung vieler Engagierter sorgte die CIR mit E-Mail-Protesten und Veröffentlichungen für Druck auf das Unternehmen. Zwischenzeitlich hat Dümmen reagiert. Es kam zu Treffen zwischen CIR- und Firmen-VertreterInnen und zu Verbesserungen in El Salvador. Mehr Informationen hier.

Höhepunkt: Der Europäische Jugendgipfel in Bonn

Ein Höhepunkt der Rundreise war das Dialogforum auf dem Europäischen Jugendgipfel zum Thema Ethischer Konsum. Gemeinsam mit Arnold Cassola, ehemaliger Generalsekretär der Europäischen Grünen aus Malta sowie den engagierten Jugendlichen aus Malta, Österreich und Polen diskutierte Sergio Chávez u.a. darüber, wie wir uns als junge Menschen Einfluss auf Politik und Gesellschaft zu Themen des ethischen Konsums verschaffen können. Es reicht nämlich oft nicht aus gut zu handeln, sondern auch die Rahmenbedingungen müssen verändert werden, damit es kein Kampf gegen Windmühlen wird.

Hier kamen die Perspektiven des produzierenden globalen Südens und die des konsumierenden globalen Nordens zusammen, so dass sich eine spannende Diskussion entwickelte. Während wir als Konsumierende immer wissen wollen, welchen Siegeln wir vertrauen können, lenkte Sergio Chavez den Blick auf die Siegel-Branche, die sich dank des großen Interesses aufgeblasen und verselbstständigt hat. So gebe es mittlerweile viele schwarze Schafe in der Siegelbranche, denn es handele sich um ein globales Geschäft. Vor allem Siegel, die besonders nah an einem Unternehmen angegliedert sind, sind mit Vorsicht zu genießen, oft gilt hier der viel zitierte Satz „Mehr Schein als Sein“. Daher ist sein Rat: seien wir kritisch, aufmerksam und hören wir nicht auf, Fragen zu stellen!

Faire Kleidung? Was kann ICH als KonsumentIn tun?

So ist auch Chávez‘ Meinung zu der Frage, ob es denn bereits „saubere“ und „faire“ Kleidung gebe, eindeutig: „Ohne existenzsichernden Lohn gibt es keine saubere Kleidung!“.

Auf die immer wieder gestellte Frage „Was kann ich tun?“ antwortet der Salvadorianer: „Die Arbeiten und das Engagement zu ethischem Konsum, Reduktion und Recycling sind sehr wichtig. Aber die deutsche Öffentlichkeit und Gesellschaft sollte sich auch an die deutschen Firmen wenden, die in Zentralamerika oder in anderen Teilen der Welt unter ausbeuterischen Bedingungen produzieren lassen.“

Aktuelles Factsheet zur Situation der ArbeiterInnen in der Textilindustrie in Mittelamerika
Interview in "Neues Deutschland" 1.7.2015
Interview Dachveband kritischer Aktionäre

Zur Person

Sergio Chávez ist Experte für Arbeitsrechte in der Bekleidungsindustrie. Er kämpft seit Jahren für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den sogenannten „Maquilas“ in El Salvador. Wegen gewerkschaftlicher Tätigkeiten musste Sergio Chávez im Salvadorianischen Bürgerkrieg fliehen. Er bekam Asyl in Dänemark. Damals ermordeten Todesschwadrone der rechten Salvadorianischen Regierung durchschnittlich vier Gewerkschafter täglich. Nach dem Bürgerkrieg kehrte er in seine Heimat zurück und begann Ende der 90-er Jahre zunächst mit der Leitung des Nationalbüros des NLC (National Labour Rights Committee). Später gründete er das „Equipo de Investigación Laboral“ (wörtlich: Team zur Untersuchung von Arbeitsbedingungen). Das Equipo de Investigación Laboral führt Recherchen und Untersuchungen in Fabriken durch, um konkreten Arbeits- und Menschenrechtsverletzungen auf den Grund zu gehen. Dafür schleusen sie auch Frauen als Näherinnen in die Fabriken, um herauszufinden, wie die Arbeitsbedingungen dort sind.